Velo parkt mit Gleisanschluss

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P wie «Potelets»

Geländer zum Schutze der Fussgänger ...
... sind auch beliebter Veloabstellplatz.

Die Schranken an neuralgischen Fussgängerquerungen sind DER inoffizielle Veloabstellplatz in Paris. Ein Velo wird dabei parallel zur Trottoirkante angekettet, ohne dabei wirklich jemanden zu stören. Umso ärgerlicher, dass die Stadt mit ihrem aktuellen Konzept geordneter Abstellflächen dazu übergegangen ist, die Geländer zu entfernen. Das Ausrüsten mit einer Sitzgelegenheit etwa, um damit müden Passanten oder solchen mit eingeschränkter Mobilität eine Verschnaufpause zu bieten? Fehlanzeige! Zugegeben, es wäre für die Planer zu wenig kontrollierbar, ein neues Veloabstellplatzangebot zu installieren ohne die Demontage des alten Bestands.

Poller schützen vor wildem Parken auf dem Bürgersteig.

Während mit dem Verschwinden der Schranken auch der Komfort für Fussgänger beschnitten wird, schiesst ein anderes Strassenmobiliar wie Pilze aus dem Boden. In Bordeaux sind es 50'000, in Marseille 100'000 und in Paris sogar über 350.000, wie die Le Monde im Noveber 2019 ermittelt hat, die sogenannten 'Potelets' (siehe Bild). Man findet diese nicht nur in den grossen Städten, sondern überall im Land auch in den Dörfern aufgestellt.

Wozu überall in regelmässigen Abständen auf dem Trottoir diese Poller, fragt sich einer. Die Antwort ist simpel: Wenn Anwohner sehen, dass ein Auto vor ihrem Haus parkt, bitten sie das Rathaus, Pfosten aufzustellen, damit so etwas nicht mehr vorkommt. Doch damit ist das Problem noch nicht gelöst: "Wenn in bestimmten Straßen Poller aufgestellt werden, haben die Autofahrer den Eindruck, dass sie auf den Bürgersteigen anderer Straßen parken dürfen, wo sie keine Poller sehen", erklärt Daniel Lemoine, Forscher am Certu (Zentrum für Studien über Netze, Verkehr, Stadtplanung und öffentliches Bauen). "Je mehr Pfosten wir aufstellen, desto weiter entfernt parken die Leute und desto mehr Pfosten müssen wir aufstellen" bestätigt der Stadtplaner von Bordeaux.

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Poller Standortplan (15.1.2020)


Randabschlüsse aus Handbuch Veloverkehr in Kreuzungen (PDF)

Während die Poller in Frankreich gerne zum Schutze individueller Interessen vor der eigenen Laden- und Haustüre aufgestellt werden, werden anderswo damit ganze Stadtteile abgeriegelt. Diese Zonen-Poller wiederum tangieren das Wegrecht, was wiederum das Gewerbe und Immobilienbewirtschafter in Alarmbereitschaft versetzt. Um die gegensätzlichen Interessen doch noch unter einen Hut zu bringen, soll es die Technik richten, die hydraulischen Poller. Die Funktionieren so: Anwohner, Ladenbesitzer, Taxis und Spediteure, welche über einen Zugangsschlüssel per Funk oder QR-Code verfügen oder sich über eine Gegensprechanlage ausweisen können, können zufahren, alle anderen sind ausgeschlossen. Knackpunkt solcher Highttech-Poller sind die hohen Kosten.

Seit 2016 heben und senken sich die Poller in Basel am Spalenberg und regeln so die Zufahrt in die verkehrsberuhigte Kernzone der Innenstadt. Die Erfahrungen mit dieser Pilotanlage sind positiv. Auf Antrag des Regierungsrats hat der Grosse Rat im Februar 2019 beschlossen, sechs weitere Poller-Anlagen bei den Zufahrten zur Kernzone der Innenstadt einzurichten. Er hat einen Kredit von 2,4 Millionen Franken bewillgt. Vorgesehen sind die Standorte Fischmarkt/Stadthausgasse, Freie Strasse, Rittergasse, Steinenvorstadt (zwei Anlagen) und Kasernenstrasse.

Randsteine und andere Auswüchse

Mit den Bestrebungen, die Strassen für Fussgänger vorteilhaft zu gestalten, dann muss auf die Wahl der Bepflästerung geachtet werden. Ein ebesonders wichtiger Faktor für Wohlbefinden stellen aber die Randsteine dar. In seiner originellen Kolumne zum Zürcher Stadtbild schreibt Marius Huber: Das Tiefbaudepartement klammert sich auf Schaubildern bis heute an diesen romantischen Urzustand: Eine Strasse ist da nicht mehr als zwei Reihen Randsteine – im Jargon gesprochen «Randabschlüsse» – und ein Belag. Also eine Art Sandwich, wie bei Mani Matter. Was ist eine Strasse ohne Belag? Nichts als Randstein. So war das mal.

Unsere Wege sind kompliziert verwoben, da müssen sich die Randsteine anpassen: Während Randsteine zur Strasse hin glatt gesägt sind, ist die Oberfläche «gestockt», also aufgeraut, damit man darauf nicht ausrutscht. Wenn es hinter der Kante 30 Zentimeter in die Tiefe geht, weiss man: Ich werde gleich vom Tram oder Bus überrollt – aber immerhin an einer Haltestelle mit hindernisfreiem Einstieg. 10 Zentimeter bedeuten ebenfalls Gefahr: Ich bin jetzt vom Trottoir auf die Strasse geraten. 3 Zentimeter dagegen sind ein gutes Zeichen: Ich sollte mich nun auf einem Fussgängerstreifen befinden. Aber Achtung: Wenn es doch eher 5 Zentimeter waren, bin ich bloss von einem Parkfeld auf die Strasse getreten. Spüre ich unter den Füssen einen abgeneigten Randstein, der ohne Absatz in die Strasse übergeht, ist das auch eher ein Warnzeichen: Ich befinde mich am Rand einer Trottoirüberfahrt zwischen einer Haupt- und einer Nebenstrasse. Schräge Schalensteine wiederum zeigen an, dass ich vom Trottoir auf den Veloweg geraten bin.

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Die lückenlose Auslegeordnung der Randsteine und vertiefte Forschung des Strassenraums kann für ein Schmunzeln sorgen. Trotzdem ist es nicht falsch, nach dem Auto einmal den Fussgänger ins Zentrum der urbanen Welt zu stellen. Darum bemühen sind die Mitglieder des Vereins Fussverkehr. Sie berufen sich auf ein ausgewiesenes Expertenwissen in planerischen, rechtlichen oder baulichen Fragen und engagieren sich auf ganz verschiedenen Ebenen für die Fussgänger. Der Verein bietet zum Beispiel Informationen bei der Fusswegnetzplanung, der Verkehrsicherheit und Sensibilisationskampagnen. Das Ziel solcher Kampagnen könnten bessere Querungen oder Schulweg Sicherheit sein, Fussgängerstreifen, Begegnungszonen, Tempo 30, Sackgassen, gezielt fussgängerfreundliches Mobiliar wie Sitzbänke, Beleuchtung, sicher passierbare Baustellen. Die Mitglieder des Verein nehmen zuletzt noch an Zählungen und Datenerhebungen teil und liefern eine gute Grundlage für die Entscheider in der lokalen und nationalen Politik.

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Mischzone oder Fahrspur trennen, die Verkehrsplaner mögen klare Verhältnisse.
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Eine weitere Unschärfe macht der Verein beim Erreichen des ÖV auf dem Bahnhofplatz oder einer Haltestelle aus, wie aus dem Handbuch 'Zu Fuss zum öffentlichen Verkehr' (PDF) zu entnehmen ist. Die Wahl des Haltestellentyps und der Haltestellenlage ist das Ergebnis einer Gesamtbeurteilung. Im Sinne einer nachhaltigen Verkehrspolitik sind die strategischen Ziele und künftigen Veränderungen des Verkehrsnetzes und der Umgebung in die Gesamtabwägung einzubeziehen. Bei der Erarbeitung von Betriebs- und Gestaltungskonzepten, bei Sanierungsprojekten oder Neuanlagen besteht die Möglichkeit, Haltestellen an die aktuellen Gegebenheiten anzupassen.

Die offene Auslegung gibt dem gesunden Menschenverstand viel Raum bei der Lösungsfindung. Umso ärgerlicher, dass die Verkehrsplaner den Benutzern nicht zutrauen die Gemischtzone ohne ihr Zutun vernünftig teilen zu können. Mit ins Feld geführt werden des öftern die Gefahren, welche von den schnellen E-Bikes ausgehen. Dazu muss man wissen, dass für schnelle E-Bikes noch immer eine Velowegbenutzungspflicht besteht, statt dass man sie wie in den meisten Ländern der EU auf die Autospur ausweichen lässt. Eine entsprechende Harmonisierung im StVG. wäre längst überfällig, die Gefahren auf Gemischtzonen wären erheblich entschärft.

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Die Randsteine machen nebst der Spedition auch beladenen Velos, E-Bikes oder Gehhilfen zu schaffen. Das punktuelle Anrampen mit Gummikeil, Asphalt, Beton oder ganz einfach mit einem Holzprofil verbessert den Komfort.
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Artikel zum Thema
Gefährliche Randsteine bikeble.ch am 1.10.2021
Zu Fuss zum öffentlichen Verkehr fussverkehr.ch (PDF) vom Okt. 2020
Handbuch Veloverkehr in Kreuzungen velokonferenz.ch (PDF) vom 1.1.2020 (PDF)
Der kastrierte Randstein tagesanzeiger.ch vom 5.1.2021
GR-Beschluss Tram-Kaphaltestellen und Velo stsbw.ch (PDF) vom 14.5.2020
Kaphaltestellen Tram-Velo provelobern.ch (PDF) 301.2017
Basel erhält eine Pollerzentrale bazonline.ch am 21.9.2021
Politisch flexibler Datenschutz bazonline.ch am 31.10.2017
Veloblog:  Comment remplir un nouveau parking vélo à Paris
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Geschrieben von VELOP.CH am Mittwoch September 22, 2021

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